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Natur vor Ort




Natur vor Ort: Schwangerschaft mit Unterbrechung?

Rehe sind unsere kleinsten einheimischen Paarhufer und gleichzeitig eine der ältesten Hirscharten der Welt. Damit die kleinen Geweihträger gut über den Winter kommen, haben sie eine Strategie entwickelt, die ganz außergewöhnlich im Tierreich ist. Die Fortpflanzung erfolgt im Juli, der Embryo beginnt sich aber erst jetzt im Februar so richtig zu entwickeln.

10 Monate
Jeder weiß, dass die Dauer der Schwangerschaft beim Menschen rund 9 Monate beträgt - das kann zwar um einige Tage schwanken, aber im Grunde genommen ist die Zeit, die ein Embryo für seine Entwicklung braucht, fixiert. Auch wenn die Dauer der Schwangerschaft je nach Tierart unterschiedlich lang ist, so haben auch alle Säugetiere bestimmte festgelegte Tragzeiten. Beim Reh dauert sie rund 10 Monate. Das ist sehr lange für ein so kleines Tier. In diese Zeit ist allerdings die so genannte Keimruhe mit einberechnet. Was heißt das?

Keimruhe
Rehe pflanzen sich im Hochsommer fort. Nach der Befruchtung
der Eizelle teilt sich diese, wird aber zunächst nicht größer als etwa 1 mm. Diese Keimblase entwickelt sich dann rund 4,5 Monate kaum weiter - man bezeichnet dies als Keimruhe. Das Rehweibchen trägt also über Monate eine befruchtete Eizelle in sich, die eigentliche Embryoentwicklung erfolgt aber erst lange nach der Fortpflanzung. Die Natur hat dies ganz wunderbar eingerichtet, und für das Reh bringt das eine ganze Reihe von Vorteilen mit sich.

Bester Zeitpunkt
Brunft und Fortpflanzung kosten Kraft und Anstrengung, man denke nur an all das aufwändige Werbeverhalten, welches notwendig ist, um ein Weibchen endlich davon zu überzeugen, dass er der Richtige für sie ist. Nach all dem stürmischen Liebesleben sollte auch noch Zeit bleiben, um sich bis zum Winter zu erholen und ausreichend Fettreserven für die kalte Jahreszeit anzulegen. Würden dann die Jungen zu früh auf die Welt kommen, hätten sie im Winter keine Chance, um in unseren Breiten zu überleben. Dazu kommt, dass eine Schwangerschaft die Weibchen natürlich belastet, da ist es günstig, wenn der Nachwuchs in einer Zeit heranwächst, wo schon wieder ausreichend Nahrung für die Mutter zur Verfügung steht. Die Lösung: Liebe im Hochsommer und Nachwuchs mit Verzögerung!

Bezirksjägermeister Royer: „Unsere Wildtiere haben heuer einen sehr schneereichen Hochwinter hinter sich. Die kritische Zeit für viele frei lebende Tiere ist aber der Spät- oder Nachwinter. In dieser Zeit sind die Fettreserven schon zum Großteil aufgebraucht. Die Weibchen tragen Embryos in sich, die jetzt täglich wachsen und größer werden. Störungen im Spätwinter können sich daher fatal auswirken, da jede Flucht Energie kostet, die eigentlich für das Überleben des Tieres wie auch für das Wachstum des noch ungeborenen Lebens dringend benötigt wird!"


Quelle: Aktiv plus Unternehmerwerbung, März 2006
Text: Dr. Hubert Zeiler, Wildökologe der steirischen Landesjägerschaft