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Exklusiv-Interview


Die Wienerin Ines Reiger wird europaweit zu den besten ihres Faches gezählt. Atemberaubende Scat-Soli, romantische, „unter die Haut gehende“ Eigenkompositionen und packende Jazz-Rock-Titel kennzeichnen das große Repertoire und die Bandbreite der charismatischen Künstlerin. Seit einigen Jahren organisiert Ines Reiger in der Region Pyhrn-Priel ein Jazzseminar (in Hinterstoder). Die ventigo-Redaktion bat die Jazzsängerin zum Interview.


Sie unterrichten unter anderem in Graz. Gibt es genug qualifizierten Nachwuchs in Österreich, so genannte Nachwuchshoffnungen?

Ja, da gibt es schon genug. Abgesehen von Starmania gibt es auch wieder wirklich ernstzunehmende junge Menschen, die das anstreben. Es gibt sehr viele Möglichkeiten diesen Beruf, das Handwerk, zu erlernen. An der Uni Graz, in Wien, Linz, Klagenfurt, es gibt hier wirklich gute Schulen, an denen man das als richtiges Studium lernen kann.

Gibt es in Österreich dann auch genügend Foren, in denen sich der Nachwuchs präsentieren kann?

Es wird schwieriger, weil das Interesse des Publikums geringer wird, auch weil eine Übersättigung eingetreten ist, vor allem im städtischen Bereich. Am Land ist es etwas leichter, weil nicht tagtäglich eine Überflutung von kulturellen Möglichkeiten stattfindet. In der Stadt ist es oft so, dass ein junger Mensch, der ein Konzert gibt, vor drei Leuten spielt.

Es gibt für jeden die Möglichkeit, nur muss man sich die selber organisieren und nur mehr Künstler sein ist zuwenig. Die Zeit, in denen man nur Künstler war und dann jemand gekommen ist und gesagt hat „Wir entdecken dich“ ist vorbei. Es steht eine beinharte Industrie dahinter: Marketing, PR und ohne das geht gar nichts mehr.

Erschwerend kommt aber auch hinzu, dass man in Österreich nur dann als Künstler anerkannt wird, wenn man im Ausland Karriere gemacht hat. Würden Sie dieser Aussage zustimmen?



Das stimmt. Ich merke es selber, wenn ich im Ausland bin, was in den letzten Jahren mehr der Fall ist, dass ich den Status des Besonderen im Ausland habe, weil ich wo anders herkomme. Es ist sozusagen, dass der Profet im eigenen Land erst dann zählt, wenn er heimkommt. Das ist in allen Kunstbereichen so.


Die Künstler kommen aber tendenziell wieder zurück.

Man kommt natürlich zurück, weil die Lebensqualität in Österreich unbestritten einzigartig ist und es uns in Europa wirklich gut geht. Die Amerikaner kommen auch zu uns, weil sie hier Gagen bekommen. Es ist ein Myhtos, dass amerikanische Musiker besonders gut sind, weil die das dort erfunden haben. Aber das ist insofern ein Blödsinn, weil die meisten waren Immigranten und Jazz ist eine Mixtur und es ist nicht mehr so nachvollziehbar wo es seine absoluten Wurzeln hat. Ein weißer Jazzmusiker hat auch kein schwarzes Blut und die verdienen dort Null. Man hört Amerikaner kommen nach Österreich, bekommen eine Mörder-Gage, weil sie eben aus Amerika kommen. Das ist generell das Problem am Kunstmarkt, das es nicht zu werten ist. Im Sport ist es einfacher, Kunst ist nicht messbar.

Es wird auch immer weniger für Kultur ausgegeben.

Elend! Das ist das größte Problem, das man nicht erkennt, dass Kultur Bildungsgut ist und kostet. Kultur muss unterstützt werden und braucht eine viel höhere Wertigkeit.

Können sich die Künstler nicht zusammenschließen und gemeinsam an die entsprechenen Ressortvertreter herantreten?

Es gibt schon Plattformen. Aber alles hat immer zwei Seiten. Die Großen bekommen Unmengen von Geld, wie zB. die Wiener oder Salzburger Festwochen. Es geht mehr um die Institutionen in den kleineren Rahmen.
Ein Pavarotti als Beispiel braucht keine Förderung. Was rennt, das rennt so und so und braucht jetzt nicht die imense Unterstützung. Die großen Dinge bekommen das Geld und die kleinen Künstler, wie auch Nachwuchskünstler, die schauen meistens durch die Finger. Das ist das Verkehrte. Es ist schwierig Geld für Auftritte zu lukrieren. Ich weiß wie meine Studenten leben. Mit 20 bis 25 Jahren kellnerieren sie nebenbei und haben ein paar Auftritte. Das ist ein harter Kampf

Um auf den gestrigen Abend zu kommen. Die Konstellation gestern war eine Premiere. Wird es jetzt weitere Auftritte in dieser Formation geben?

Kann schon sein, aber es muss der Rahmen passen. Es sollte immer kammermusikalisch sein. Es spielt auch jeder in ca. 15 Besetzungen und es gibt keine Sippenhaftung. Auf alle Fälle war es lustig.

Gibt es Kollegen, mit denen Sie besonders gerne zusammenspielen?

Gibt es schon. Das ist nicht personalbezogen, sondern mit das sind Menschen, mit denen die Chemie passt und ich muss mit ihnen lachen können. Es muss ein lustiger Jazzmusiker sein, der eine Ernsthaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein für die Musik hat. Und natürlich gut ist, aber davon gehen wir ja aus. Meistens ergibt sich dann eine Freundschaft.

Das Publikum gestern war hauptsächlich älter. Sind die Älteren die Zielgruppe von Jazz?

Es ist eine Tatsache, dass Jazz die Popmusik der ab 60ig Jährigen ist.

Wächst mit zunehmendem Alter das Interesse am Jazz?

Das kann man schon so sagen. Jazz löst ein bestimmtes Gefühl aus, es ist wie ein Virus. Generell könnte man sagen ab 15 aufwärts. Zumindest schon im Erwachsenenalter. Für Jazz braucht man eine gewisse Reife. Das Schöne ist, dass es kein Alterslimit nach oben gibt.

Um auf Sie persönlich zu sprechen zu kommen. Wenn man Sie mit jemanden vergleicht, wer sollte das sein?



Ich habe mich sicher an Ella Fitz Gerald orientiert. Über sie habe ich auch meine Diplomarbeit geschrieben, weil mich das sehr interessiert hat. Ansonsten entwickelt man sich dann weiter. Man sieht, hört gewisse Dinge durch wie zB Bepob Elemente.


Verglichen will eigentlich keiner werden, aber wenn jemand Ella sagt, dann ist das immer ein großes Lob.

Sie schreiben auch eigene Kompositionen. Gibt es zentrale Kernthemen, die Sie dem Publikum gern vermitteln und wie entstehen Ihre Kompositionen?

Beziehungsthemen. Irgendwie immer Torch-Songs. Also immer Dinge , die Menschen bewegen. Das ist, glaube ich, das Spannendste, nicht irgendein oberflächiges Gequatsche. Davon sind wir ständig umgarnt, sondern eine Geschichte, die man erlebt hat oder man erleben könnte.

Zuerst ist der Text da. Ich texte sehr gern. Dann fällt mir irgendwie eine Huckel ein zu dieser Textzeile und dann entwickelt sich das. Das sind nicht konstruierte Sachen.

Beim gestrigen Abend haben Sie kurz einen Song auf wienerisch gesungen. Singen Sie öfters auf deutsch oder ist Englisch einfach Standard?

Gelegentlich. Standard ist Englisch. Dieses eine Lied hat jemand in den 50igern auf wienerisch geschrieben. Das Wienerische hat eine geringe Affinität für Jazz, mehr als Hochdeutsch. Es passt vom Klang her mehr und es ist die Möglichkeit den Menschen, die kein englisch können, quasi mit einem lustigen Unterton das Lied zu vermitteln. Gestern war es einfach als Gag gedacht, ich weiß nicht ob ich das einen ganzen Abend durchhalten würde. Die Gefahr wäre nämlich, dass es viel zu sehr ins kaberettistische geht.

Um ganz allgemein von Jazz zu sprechen. Jazz ist eine kleine Subkultur. Woran liegt das?

Erstens gibt es keinen Refrain zum Mitsingen, dann ist die Improvisation so weiträumig, dass man sie nicht nachvollziehen kann. Das ist wie eine Momentaufnahme. Jeder Musiker spielt das Stück 100 Mal anders. Es gibt kein Plagiat in dem Sinne.
Es ist keine Berieselung wie im Radio und man erwartet das dann auf der Bühne ebenfalls 1:1.

Gibt es noch etwas, dass Sie den Lesern mitteilen wollen?

Nur ein allgemeiner Aufruf: Nützt das Kulturangebot und entwickelt eine gewisse kulturelle Disziplin.


Vielen Dank für das Interview!


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mehr Info unter: www.inesreiger.at