ANTI-AGING
oder sinnvolles Altern?
Gegen (anti) das Alter anzukämpfen, hat wenig Sinn. Es geht nicht darum, das Altern aufzuhalten, sondern bei möglichst guter Lebensqualität alt zu werden und vor allem dem Altern einen Sinn zu geben.
Wer ohne medizinischen Grund Falten „wegspritzen" will, sollte sich fragen, was er/sie damit wirklich verdecken will.
Antike Autoren wie Platon und Cicero verehrten den Greis als weise und lebenserfahren, heute beklagen wir das Alter als Phase des zunehmenden geistigen und körperlichen Verfalls. Dieser Stagnation versuchen wir immer mehr mit unnatürlichen, und oftmals sogar gefährlichen Methoden entgegen zu wirken. In der Midlife-Crisis versuchen wir sogar, uns wieder zurück fast an den Start zu schwindeln, und die Medizin hilft hoch technisiert mit, die „Jugend" bis in hohe Alter zu konservieren.
Die Frage ist nun: Ist das wirklich nötig?
Viel sinnvoller wäre es, nach einer extensiven ersten Lebenshälfte eine „intensive" zweite Hälfte anzuschließen, nach innen leben und loslassen zu lernen.
Elisabeth von Thüringen setzte sich schon in ihren glücklichen Ehejahren für die Ärmsten der Armen ein, speiste Hungrige, pflegte Kranke und Aussätzige. Nach dem Tod ihres Mannes, vertrieben von der Wartburg, errichtete sie mit ihrem Witwenanteil ein Spital, verschenkte alles und starb aufgezehrt in der Fürsorge für andere. Das Leben einer Heiligen, das Leben einer reifen Persönlichkeit, die auf ein erfülltes Leben zurückblicken konnte - und das im Alter von 24 Jahren, denn älter wurde sie nicht.
Das zeigt nicht nur die inzwischen drastisch verlängerte Lebenserwartung, sondern auch die Relativität der Lebensjahre.
Entscheidend ist nicht, wie lange jemand lebt, sondern wie.
Auch in der Medizin gilt heute: nicht mehr Lebensverlängerung um jeden Preis, sondern mehr Lebensqualität, solange dies möglich ist.
Von den Medien wird jedoch vorgegaukelt, wir könnten das Leben beliebig lange verlängern. Die Medizin spielt zum Teil aktiv mit. Eine Vielzahl von Therapien und Behandlungen, oft unwirksam und manchmal sogar gefährlich, sollen das Altern stoppen, wenn sogar bis zu unserer Jugendhaftigkeit zurückbringen.
Aber wer sagt denn, dass die Jugend die Norm für das Alter ist?
Altern ist mehr
Wenn eine „Anti-Aging-Therapie' um auf dem Boden der Realität zu bleiben, zumindest die Leistungsfähigkeit in späteren Jahren erhalten soll, bleibt immer noch die Frage, ob man dazu wirklich Injektionen, Pillen, Hormone und „ewig" junge Zellen braucht? Deutlich wird dabei vor allem, dass die Leistungsfähigkeit der Jugend nichts mit der Leistungsfähigkeit des Alters zu tun hat. Letztere liegt eher in einer seelisch-geistigen Reife, die nicht an der Potenz des jugendlichen gemessen werden kann.
Solch abwegige Ideen haben vor allem den therapeutischen Effekt, dass sie dazu anregen, sich Gedanken zu machen, was denn ein vernünftiges Altern wirklich bedeuten könnte. Denn das ist ein völlig anderes Thema.
Bevor wir nun versuchen, das Leben zu verlängern, sollten wir lernen auf zu hören, das Leben zu verkürzen.
Entwicklung der Persönlichkeit
Altern ist aber nicht nur ein physiologischer Prozess, sondern ebenso ein psychischer, sozialer und spiritueller. Wenn Altern auf der körperlichen Seite mit Abbau verbunden ist, dann muss das nicht automatisch auch für die anderen Ebenen gelten. Entwicklung ist nicht linear; es kann eine innere Entwicklung geben, selbst wenn die äußere stagniert oder rückläufig ist.
Die Entwicklung des Menschen ist nicht mit der Pubertät oder mit der Lebensmitte abgeschlossen, sondern der Mensch entwickelt sich, so lange er lebt. Es gibt eine Entwicklung (rein äußerlich) vom Leben zum Tod, aber auch eine Entwicklung (des Seelischen) vom „Tod" zum Leben, von einem materialistisch-egoistischen zu einem Sinn-erfüllten Leben.
Die „Anti-Aging"-Forschung müsste durch eine „Pro-Aging"-Forschung ergänzt werden. Es gibt nicht nur Fähigkeiten, die im Alter abnehmen, sondern auch solche, die im Alter zunehmen oder die überhaupt erst im Alter möglich werden. Alle Lebensphasen haben ihre je eigene Bedeutung und ihre eigenen Fähigkeiten.
Lebendigkeit
Schon im Inhaltsverzeichnis seines Buches „Fülle und Nichts" von David Steindlrast steht unter dem Kapitel „Lebendigsein und Wachsein":
„Dass du noch nicht gestorben bist, reicht nicht aus als Beweis, dass du wirklich lebst. Lebendigkeit bemisst sich am Grad deines Wachseins."
Diese wache Lebendigkeit als Gegensatz zum „Tod" (Unbewusstheit, begrenzte Egozentrik und Materiezentriertheit) wird durch die Gebrechlichkeit des Körpers nicht unbedingt behindert, sondern im Durchgehen durch diesen Makel der Endlichkeit oft sogar gefördert.
Der Mensch ist nicht, was er ist, sondern was er aus sich macht.
Es bedarf der Aktivität. Das Leben ist ein ständiger Neubeginn, in jeder Lebensphase, bis in den Tod. Dieser ständige Neubeginn muss immer alle Dimensionen menschlichen Seins, die körperliche, psychische, soziale und spirituelle Dimension umfassen.
Aufgaben des Alters
Die Grundfrage des Menschen ist die nach dem Sinn des Lebens. Diese sollten wir uns in jedem Lebensalter stellen, aber angesichts des näher rückenden Lebensendes wird sie immer drängender.
Alter bedeutet heute meist Krise. Diese pessimistische Sichtweise steht im Gegensatz zur Auffassung zahlreicher Philosophen, die von der Reife des Alters gesprochen haben. Reife schließt die Fähigkeit des Überblicks über das eigene Leben ein, Zusammenhänge zu erkennen, das Ganze zu überblicken und damit einen individuellen, tieferen Lebenssinn für sich zu gewinnen.
Von diesem Potenzial der Älteren kann auch die Gesellschaft profitieren. Eine Studie der John Hopkins University in Baltimore aus dem Jahr 2006 ergab, dass ehrenamtlich engagierte Senioren gesünder, aktiver und glücklicher leben - und zugleich Kinder vom Wissen und der Lebensweisheit der Alten lernen. Die aktiven Senioren arbeiteten ehrenamtlich in Kindergärten und Schulen, wo sie Geschichten erzählten, bei Hausaufgaben halfen, aber auch Konflikte entschärften oder lösten.
Ältere Menschen haben vielerlei Aufgaben in dieser Gesellschaft, wir brauchen ihre Erfahrungen in der Familie, bei der Kinderbetreuung, aber auch in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik. Wir können und müssen das Potenzial jeder Lebensphase nutzen.
Anti-Illusionär
Leicht wird das nicht:
„Wir haben eine regelrechte Alters-Phobie, die Menschen wollen in ihrer Umgebung keine Falten sehen, das erinnert sie zu sehr an ihr eigenes Altern, an den Tod",
so der Personalberater und Wirtschaftspsychologe Othmar Hill bei einer Diskussion unter dem Titel „Pro-Aging statt Anti-Aging im Personalmanagement".
Es wird in Zukunft auch darum gehen, uns die Verlogenheit des heutigen Welt- und Menschenbilds einzugestehen und zu ändern. Gott ist tot, aber kindische Patchwork-Religionen verbreiten sich. Es lebe die neue Spiritualität - die aber nicht das Ego überwindet, sondern noch weiter aufbläht. Wir glauben nicht mehr an das ewige Leben der Religion, arbeiten aber krampfhaft an einem „ewigen" irdischen Leben.
Das zeigt ja nur, dass die Ideen der Religionen nicht irrelevant sind, sondern in einer säkularen Gesellschaft nur in einer anderen, noch dazu in einer kindischen und oberflächlichen Form wiederkommen. Was nicht nur bedeutet, dass sie zum Menschsein dazugehören, sondern auch, dass ihre Degeneration keinerlei Fortschritt bringt. Es wäre wichtiger - und gesundheitsfördernd - Spiritualität besser verstehen zu lernen, als sich mit irgendeinem postmodernen Ersatz zu begnügen.
Was ist realistisch?
Das eigentliche Problem ist nicht das Alter an sich, sondern die Einstellung unserer Gesellschaft gegenüber alten Menschen und der Umgang mit ihnen. Da wird sich einiges ändern müssen.
Interessant ist auch, dass sich das erreichbare Höchstalter des Menschen im Laufe der Geschichte gar nicht geändert hat, jedenfalls nicht in jenen Zeiten, die wir überblicken können. Zu allen Zeiten haben einige Menschen 100 Jahre oder etwas länger gelebt. Auch im alten Rom gab es 90-jährige aktive Politiker. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass heute wesentlich mehr Menschen ein solches Alter erreichen. Das legt eine biologische Grenze unserer Lebensdauer nahe. Selbst unsere in mancher Hinsicht so erfolgreiche Medizin hat es nicht vermocht, die obere Lebensgrenze wirklich hinauszuschieben, und das wird wahrscheinlich auch der Anti-Aging-Medizin nicht gelingen.
Die wesentlich längere Lebensdauer bezahlen wir heute noch mit mehr und neuen Krankheiten, mit den sogenannten Zivilisationskrankheiten und im Alter zunehmender Vereinsamung.
Die sich mehrenden Zivilisationskrankheiten haben viel mit einem falschen Lebensstil zu tun. Dieser erschöpft sich aber nicht in falscher Ernährung, Bewegungsmangel, Rauchen etc. (physische Ebene), sondern umfasst auch und vor allem negative Einstellungen, Gefühle, Vorstellungen und Verhärtungen (psychische Ebene), Egozentrik und Isolation (soziale Ebene) und eine mehr oder weniger materialistische Einstellung (spirituelle Ebene bzw. deren Verdrängung).
Folglich geht es nicht nur um richtige Ernährung und regelmäßige Bewegung, so wichtig das natürlich ist, sondern ein gesunder Lebensstil muss alle Dimensionen des menschlichen Lebens einbeziehen. Daher sind die heute allgemein vernachlässigten bis verdrängten Dimensionen des Seelischen, Sozialen und Spirituellen für ein Altern in Gesundheit ganz besonders wichtig.